
Medienobservationen-Sonderausgabe
Macht. Mode. Männer.
Zwischen (GESPRÄCHS)stoff, (TEXT)ilien, und Haute-(CULTURE).
Bild: Pixabay
Im vorliegenden Sonderband der Medienobservationen nehmen die 12 Beitragenden nicht nur Mode in den Blick, sondern auch ihre oft unterschätzten männlichen Darsteller. Der Band ist eine Einladung, die Konzeption von Mode im 21. Jahrhundert zu überdenken. Definiert sie sich nach wie vor über eine bipolare Geschlechteraufteilung? Wie verhält sich Mode zu ihren Vorläufern, den Kleiderordnungen, die unabhängig vom jeweiligen Geschlecht Stände definieren? Um sich diesen Fragen zu nähern, finden die versammelten interdisziplinären Beiträge einen gemeinsamen Startpunkt: Das Sujet der Mode sind hier nicht mehr nur die Frauen, sondern eben speziell die Männer.
Lange Zeit galt jedoch gerade der bürgerliche Mann in einem standardisierten Anzug als Sinnbild der eigentlichen Männlichkeit. Befreit von jedem unnötigen Dekor, gewollt ganz und gar unmodisch. Mode markierte im Gegensatz dazu alles in der Sphäre des Weiblichen. 1818 ist der englische Dichter Bryan Waller Procter bereits empört darüber, dass die Mitglieder seines Gentleman-Clubs als Dandys bezeichnet werden. Schließlich war der Dandy ein Hybridwesen: biologisch zwar ein Mann und dennoch eigentümlich geschmückt und somit modisch und weiblich – ein ganz und gar unmännlicher Mann. Knapp 200 Jahre später wird Harry Styles als erster Mann auf dem Dezember Cover der US-Vogue 2020 vom Gesprächsstoff zum Zündstoff. Er posiert in einem gerüschten Kleid von Gucci und entflammt erneut die Diskussion um die westliche Männlichkeit. Ist der Mann nach wie vor unmodisch?
Diesen Sonderband überhaupt herausgegeben zu können, ist auf eine wunderbare internationale Tagung mit anregenden Diskussionen und nicht zuletzt auf den unermüdlichen planerischen und organisatorischen Einsatz der Studierenden des Masterstudiengangs Film- und Medienkultur-Forschung der LMU zurückzuführen. Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal ganz ausdrücklich und herzlich bei ihnen bedanken. Insbesondere dafür, dass sie sich mit großem Engagement auf dieses Projekt eingelassen haben und mit ihren Überlegungen die Forschung bereits in einem frühen Stadium ihrer wissenschaftlichen Karriere nachhaltig bereichert haben.
Eröffnet wird der Sonderband mit Beiträgen zur Mode und ihrem Verhältnis zur Uniformität. Svetlana-Joy Husel beginnt mit der Idee die individuellen Künstleruniform bei Beuys mit Harry Styles zu verknüpfen und überträgt dabei Styles’ Kleidung auf David Bowie und sein alter Ego Ziggy Stardust. Daniela Brandt erörtert Überlegungen zu Krawatten und Haarbändern und deren sozialen, beinahe politischen Status in der Serie Gossip Girl. Jéssica D Gößmann zeigt Mode im Zeichen des Aufstands am Beispiel von Marlene-Hosen auf. Ich selbst zeichne eine kurze Geschichte der Uniform anhand von Christian Krachts und Joseph Conrads Texten nach. Auch Cora Curtius bleibt den literarischen Uniformen treu in Ruth Landshoff-Yorks Die vielen und der Eine.Ebenso wie Hannes Mittermaier, der die Ohnmacht der Hochstapelei in Gottfried Kellers Kleider machen Leute aufzeigt.
Iulian Suman berichtet über gay bears auf den Laufstegen von Walter Van Beirendonck. Bernadette Pest schließt hier mit ihrem Beitrag über „Haarige Angelegenheiten“ im binären Geschlechtersystem an. Lana Gottwald setzt Crossdressing in Bezug zu sich verändernden Gendernormen. Die letzten Beiträge widmen sich vermehrt der Mode in ihrer Multimedialität. Estelle Vallender führt in das Empowerment bei Thierry Mugler ein. Kristina Fleder beschäftigt sich mit modischen Avataren und Nicole Pajan erläutert, wieso Buffy auch ohne Superheldenkostüme auskommt.