Sämtliche Beiträge | 1997-2018


Erinnerung und Wahrheit im Bild. Medienobservationen in Florian Henckel von Donnersmarcks Werk ohne Autor (2018)

Die deutsche Filmkritik hat Florian Henckel von Donnersmarcks Werk ohne Autor (2018) – anders als die amerikanische – als unzulängliches Biopic über die Künstlerkarriere von Gerhard Richter abgestempelt. Das aber ist nur die eine Seite des Films. Auf der anderen Seite lässt sich eine filmische fiction of memory beobachten. Der Film hat einen pädagogischen Impetus, der seinem englischen Titel „Never Look Away“ folgt, und darüber hinaus eine interessante erinnerungsdrama-turgische Dimension. Diese besteht darin, dass die Fakten einer komplexen, in die Euthanasie-Phase des Nationalsozialismus zurückreichenden und erst 2005 publik gewordenen Täter-Opfer-Konstellation im Familiengedächtnis zu einer eigenen Geschichte mit dem Anspruch auf eine „innere Wahrheit“ verdichtet werden. Der Beitrag untersucht die narrativen Elemente und medientheoretischen Implikationen der Erinnerungsarbeit, die der Film mit Bildern und in Bildern leistet. Werk ohne Autor ist vielleicht der erste Film, der die Geschichte konsequent von der Autorität des Künstlers entkoppelt und das, was wir über sie wissen können und wissen sollen, konsequent dem Kunstwerk überantwortet. Auf diese Weise scheint das postmemoriale Kunstwerk im Zeitalter seiner medialen Reproduzierbarkeit auf seine Autonomie als Erinnerungszeugnis zu pochen, weil es im besonderen Fall (hier: durch die fotosurrealistische Unschärferelation der Gemälde) mehr weiß als der Künstler selbst.

20191015Braun

SUCKCESS und différance – Verschriftlichung in den 1960er-Jahren (Dylan, Derrida)

Der Beitrag setzt sich zum Ziel, zwei unterschiedliche Umbrüche zusammenzu-denken: Mit Subterranean Homesick Blues bricht Bob Dylan 1965 einerseits demonstrativ mit der Folkmusik, während sich mit dem Einsatz von Schrift in der filmischen Umsetzung in Dont Look Back zugleich Bezüge zu Jacques Derridas zeitgleichen Überlegungen in der Grammatologie ergeben. Wie eine gemeinsame Lektüre von Dylan und Derrida zeigt, leiten beide aus dem Verhältnis von Schrift und Stimme die Destabilisierung eines festen und eindeutigen Sinns ab, an deren Ende eine neue Ausrichtung auf den Signifikanten steht. Diese Bewegung bleibt nicht auf diese beiden Akteure beschränkt, sondern ist prägend für theoretische Positionen und künstlerische Praktiken der 1960er-Jahre, programmatisch etwa bei Andy Warhol.

20190909harms

Die andere Identität. Border (2018) als nordeuropäische Grenzerfahrung

Ali Abbasis Film Border läuft nun auch in deutschen Kinos, nachdem er auf verschiedenen Festivals – u.a. in Cannes und auf dem Filmfest München – vorgestellt wurde. Der Titel ist Programm: Es häufen sich liminale Konstellationen, es geht um die Begegnung und den Umgang mit dem Anderen, auf verschiedenen Ebenen werden Genus-Zuordnungen prekär, liminale Wesen tauchen auf, es kommt zu Grenzerfahrungen – auch für den Zuschauer. Dieser thematische Aufenthalt im Grenzgebiet wirkt nicht nur auf die Genrezuordnungen und die Form des Films selbst zurück, sondern stellt im Zuge der zahlreichen Problematisierungen von Identität auch eine dominierende Europa-Erzählung und ein europäisches Selbstverständnis infrage.

20190424conrad

Die Kino-Wochenschau: Ein Modell der audiovisuellen Informationsvermittlung

Wissenschaftliche Modelle aufzustellen ist mehr noch in der Kommunikationswissenschaft als in der Medienwissenschaft verbreitet. Über die Kriterien, die ein Modell erfüllen soll, herrscht weitgehend Einigkeit. Ein Modell soll die relevanten Attribute grafisch darstellen und Komplexität reduzieren. Ziele sind Theoriereflexion oder Vorgangsexplikation. Der Artikel stellt eine übergreifende Informationsstruktur audiovisueller Medien dar. Welche Elemente sind unverzichtbar, um Zuschauer zu erreichen? Im Folgenden wird ein Vermittlungskonzept der Kino-Wochenschau als Zusammenspiel von audiovisuellen Elementen, Erzählstrategien und Framing aufgezeigt. Die Modellerstellung ermöglicht eine übersichtliche Darlegung von Informationsstrategie und ‚Stil‘ der Kino-Wochenschau, die als ‚Ursprungsform‘ non-fiktionaler Formate in Film und Fernsehen, von Nachrichten und Feature bis Dokumentation aufgefasst werden kann.

20190416Lehnert

Mobile Foto-Filter – Von technischer Entstörung und bildästhetischer Aufwertung

Fotografische Filter-Presets wie sie derzeit prominent z.B. in Instagram oder Drittanbieter-Apps wie VSCO zum Einsatz kommen sind ein wesentlicher Bestandteil der sich mittels Social-Media-Plattformen vollziehenden «sozialen Fotografie». Der Beitrag legt in einem ersten Schritt die zentralen Skripte fotografischer Filter-Verfahren frei. In einem zweiten Schritt werden am Beispiel von Instagram zentrale Anwendungsfelder solcher Presets skizziert. So zeigt sich, dass weder die Filter-Technologien allein die alltagspraktischen Anwendungen hervorbringen – diese werden nämlich selbst durch diese hervorgebracht bzw. verändert – noch die medienästhetische Praxis dieselbe bleibt. Zudem entfalten diese Skripte im Plattformkontext auch eine ganz eigene Dynamik zwischen formalisierter Anwendung und ästhetischer Norm.

20190409Schulz

Künstlerische Subjektphilosophie: Das Echo in Dichtung, Musik und Theater

Der Aufsatz arbeitet die Beziehung zwischen dem Echo-Motiv und der Thematisie-rung von Subjektivität in Literatur und Musik heraus. Das Echo als auditiv erfahrbares Phänomen, das einem Sprecher oder einer Sprecherin seine Aussage (in verzerrter Form) zurückgibt, wird dabei als Wort-Musik verstanden, als eine intermediale Struktureinheit, in der sich Wort und Musik, Sinn und Klang ununterscheidbar miteinander verbinden. Ausgehend von Ovids mythologischer Lesart in den Metamorphosen zeigt der Beitrag anhand eines schlaglichtartigen Streifzugs durch die Geschichte des Echo-Gedichts und der Echo-Komposition die zentrale Funktion des künstlerisch inszenierten Wiederhalls auf. So steht das Echo in Literatur und Musik vom 15. bis ins 18. Jahrhundert für die „Re-flexion“ des Subjekts und ist somit Darstellungsmittel von künstlerischer Subjektphilosophie. Den Abschluss der Ausführungen bildet ein exemplarischer Blick auf das zeitgenössische Sprechtheater, der andeutet, dass das subjektphilosophisch funktionalisierte künstlerische Echo vor dem Hintergrund eines humanistischen Menschenbildes zu verorten ist, das mit den neuen Herausforderungen, denen sich das Subjekt seit Ende des 19. Jahrhundert gegenübersieht, als Darstellungskonvention verblasst.

20190322Zorn

„Sissi! – Franz!“. Besinnliche Überlegungen zur Geburt des („neueren“) westdeutschen Kinos

Dieser Artikel versucht die Geburtsstunde des neueren Westdeutschen Kinos an einer Filmreihe festzumachen: Die SISSI-Trilogie war zweifelsfrei ein kommerzieller Erfolg, allerdings wird ihr ein politischer und kultureller Beitrag in der Nachkriegszeit nach wie vor abgesprochen. Ohne die SISSI-Filme – so meine These – wären einige Motive des Nazi-Kinos nicht aufgearbeitet und umbesetzt worden, die den Weg hin zum neueren Westdeutschen Kino erst bereitet haben. Vielleicht greifen sie sogar einer Entwicklung vor, die der allgemeinen Meinung nach erst mit den Kritischen Heimatfilmen in den 70ern einsetzt.

20190211lebe

Der Engel der Erzählung. Wim Wenders Der Himmel über Berlin

Engel im Film sind sichtbar gemachte Medien aus der Sphäre des eigentlich Unsichtbaren. Für Erzählungen geben sie oft erst nach ihrer Transformation in Menschengestalt etwas her. Diese Transfiguration passiert in Wim Wenders’ Film Der Himmel über Berlin auf zweierlei Art: als narratologische Initiation (der zum Menschen verwandelte Engel bekommt eine Geschichte und kann sie erzählen) und als ein ästhetisches Ereignis (der Engel spürt das ‘Gewicht der Welt’, zeigt Farbe und lernt zu lieben). Der Beitrag untersucht, wie die Erzählung zum Engel kommt und wie der so hergestellte Zusammenhang zwischen Engelfigur und erzählter Geschichte filmisch funktioniert. Ausgangsthese ist: Der Regisseur zeigt, dass der Engel der Erzählung eine Sehnsuchtsfigur ist, die im Film und vom Film besser erzählen kann als die darin vorkommenden Großstadtmenschen.

20190204braun

American Animals (2018) oder der etwas andere Heist-Film

Filme über Raubzüge, sogenannte Heist-Filme, werden trotz einiger Vorläufer vor allem seit Steven Soderberghs Ocean’s Eleven (2001) stark glorifiziert. Die Auswirkungen solcher filmischer Behandlungen zeigt Bart Laytons American Animals (2018), der sich mit der wahren Geschichte eines fehlgeschlagenen Raubzuges beschäftigt. Der Film erweist sich dabei nicht nur als durchdachtes Spiel mit Fiktion, Wahrheit und ihrer Zwischenform, der Authentizität, sondern auch als Spiel mit Zitaten und Genre-Elementen. In dieser Selbstreflexion wirft American Animals einen Seitenblick auf ein mittlerweile perfektionsgetriebenes Genre sowie eine hyperreale Kultur.

20181210babin