Medienobservationen-Sonderausgabe

Macht. Mode. Männer.

Zwischen (GESPRÄCHS)stoff, (TEXT)ilien, und Haute-(CULTURE).

Herausgegeben von Julia Lebe
16. September 2022

Bild: Pixabay

Im vorliegenden Sonderband der Medienobservationen nehmen die 12 Beitragenden nicht nur Mode in den Blick, sondern auch ihre oft unterschätzten männlichen Darsteller. Der Band ist eine Einladung, die Konzeption von Mode im 21. Jahrhundert zu überdenken. Definiert sie sich nach wie vor über eine bipolare Geschlechteraufteilung? Wie verhält sich Mode zu ihren Vorläufern, den Kleiderordnungen, die unabhängig vom jeweiligen Geschlecht Stände definieren? Um sich diesen Fragen zu nähern, finden die versammelten interdisziplinären Beiträge einen gemeinsamen Startpunkt: Das Sujet der Mode sind hier nicht mehr nur die Frauen, sondern eben speziell die Männer.

Lange Zeit galt jedoch gerade der bürgerliche Mann in einem standardisierten Anzug als Sinnbild der eigentlichen Männlichkeit. Befreit von jedem unnötigen Dekor, gewollt ganz und gar unmodisch. Mode markierte im Gegensatz dazu alles in der Sphäre des Weiblichen. 1818 ist der englische Dichter Bryan Waller Procter bereits empört darüber, dass die Mitglieder seines Gentleman-Clubs als Dandys bezeichnet werden. Schließlich war der Dandy ein Hybridwesen: biologisch zwar ein Mann und dennoch eigentümlich geschmückt und somit modisch und weiblich – ein ganz und gar unmännlicher Mann. Knapp 200 Jahre später wird Harry Styles als erster Mann auf dem Dezember Cover der US-Vogue 2020 vom Gesprächsstoff zum Zündstoff. Er posiert in einem gerüschten Kleid von Gucci und entflammt erneut die Diskussion um die westliche Männlichkeit. Ist der Mann nach wie vor unmodisch?

Diesen Sonderband überhaupt herausgegeben zu können, ist auf eine wunderbare internationale Tagung mit anregenden Diskussionen und nicht zuletzt auf den unermüdlichen planerischen und organisatorischen Einsatz der Studierenden des Masterstudiengangs Film- und Medienkultur-Forschung der LMU zurückzuführen. Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal ganz ausdrücklich und herzlich bei ihnen bedanken. Insbesondere dafür, dass sie sich mit großem Engagement auf dieses Projekt eingelassen haben und mit ihren Überlegungen die Forschung bereits in einem frühen Stadium ihrer wissenschaftlichen Karriere nachhaltig bereichert haben.

Eröffnet wird der Sonderband mit Beiträgen zur Mode und ihrem Verhältnis zur Uniformität. Svetlana-Joy Husel beginnt mit der Idee die individuellen Künstleruniform bei Beuys mit Harry Styles zu verknüpfen und überträgt dabei Styles’ Kleidung auf David Bowie und sein alter Ego Ziggy Stardust. Daniela Brandt erörtert Überlegungen zu Krawatten und Haarbändern und deren sozialen, beinahe politischen Status in der Serie Gossip Girl. Jéssica D Gößmann zeigt Mode im Zeichen des Aufstands am Beispiel von Marlene-Hosen auf. Ich selbst zeichne eine kurze Geschichte der Uniform anhand von Christian Krachts und Joseph Conrads Texten nach. Auch Cora Curtius bleibt den literarischen Uniformen treu in Ruth Landshoff-Yorks Die vielen und der Eine.Ebenso wie Hannes Mittermaier, der die Ohnmacht der Hochstapelei in Gottfried Kellers Kleider machen Leute aufzeigt.

Iulian Suman berichtet über gay bears auf den Laufstegen von Walter Van Beirendonck. Bernadette Pest schließt hier mit ihrem Beitrag über „Haarige Angelegenheiten“ im binären Geschlechtersystem an. Lana Gottwald setzt Crossdressing in Bezug zu sich verändernden Gendernormen. Die letzten Beiträge widmen sich vermehrt der Mode in ihrer Multimedialität. Estelle Vallender führt in das Empowerment bei Thierry Mugler ein. Kristina Fleder beschäftigt sich mit modischen Avataren und Nicole Pajan erläutert, wieso Buffy auch ohne Superheldenkostüme auskommt.

„Stell ́ dir vor, es ist Krieg, und keiner weiß, was er anziehen soll.“ Oder eine kleine Geschichte der Uniform anhand der Barbourjacke

Die Barbourjacke ist ein einzigartiges Kleidungsstück. An ihr lassen sich realhistorische Übergänge von Kleiderordnungen in die Mode ablesen. Darüber hinaus kann sie auch die entgegengesetzte Richtung von Mode zurück zur Kleiderordnung – sowie zum Spezialfall Uniform – sichtbar machen. Christian Kracht nutzt die Barbourjacke als Motiv in seinem Roman Faserland und zeigt ihr Potential zur Remilitariserung der einstigen Uniform inklusive ihrer Träger*innen.

DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/[D]

20220916lebe

Die (Ohn)Macht der Hochstapelei in Gottfried Kellers Kleider machen Leute

Der nachfolgende Vortragstext wurde am 12. Juli 2021 an der Ludwig-Maximilians- Universität in München bei der in hybrider Form abgehaltenen Tagung Mode. Macht. Männer von mir vorgetragen. Diese Zeilen seien vorausgeschickt, um den atypischen Ton des an manchen Stellen vermeintlich unakademisch wirkenden Textes als rhetorische Technik hervorzuheben. Der mitunter essayistisch verfahrende Stil ist eng gekoppelt an die Ereignishaftigkeit des Vortrags selbst. Dieser ist – und dahinter besteht die eigentliche Intentionalität – notwendig an die Performativität dieses Textes gebunden. Nur durch den Akt des Vortrags selbst, sprich: durch sein In-die-Welt-Schicken am Katheder, lebt der Text, weil er sich erhebt von seiner bloßen Schriftlichkeit und damit selbst als sich zeitigendes Ereignis argumentativ am geschilderten Sachverhalt gräbt. Es ist deshalb notwendig, sich bei der Lektüre der nun folgenden Zeilen die imaginierte Vorführsituation des Textes in ständiger Selbstdisziplin vor Augen zu führen.

DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/[D]

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„Mein einziges Maß ist die Maßlosigkeit.“ Theatralik und Empowerment in der Mode von Thierry Mugler

Inmitten der Hippie-Bewegung setzte Thierry Mugler den Flower-Power- und ethnischen Looks der frühen 1970er die Erfindung seiner Glamazone entgegen – eine moderne, stylische, urbane, unkonventionelle Frau. Ihr Stil zeichnet sich durch mutige, körperbetonte Schnitte, architektonische Silhouetten und innovative Materialien aus. Mit seiner Inspiration an Superheld:innen und futuristischer Couture schrieb der provokante Look Geschichte. Der folgende Diskurs soll die Entwürfe des französischen Modeschöpfers genauer betrachten. Anhand von ausgewählten Stücken soll erläutert werden, inwiefern Mugler Theatralik, Ironie und Übersteigerung als Strategien für Empowerment heranzieht.

DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/[D]

20220916vallender

Kleider machen Avatare. Das Spiel mit der Mode

In Gottfried Kellers Erzählung Kleider machen Leute wird bereits deutlich, welchen Einfluss Kleidung auf die äußere Erscheinung haben kann. Inwiefern besteht ein Verhältnis zwischen Mode und Avataren, die in unserer Gesellschaft einen immer größeren Stellenwert erlangen? Namhafte Modemarken kreieren Kleidungsstücke für virtuelle ComputerspielheldInnen. Demgegenüber stehen Avatare, die in Zeiten der Pandemie als Models auf dem Laufsteg performen bzw. sich seit Jahren in den sozialen Medien als virtuelle Influencer unter anderem für Modemarken präsentieren.

DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/[B]

20220916fleder

„Bei den meisten sieht die Uniform unmännlich aus.“ – Uniform als Mode. Mode als Uniform in Die Vielen und der Eine von Ruth Landshoff-Yorck

In ihrem Roman Die Vielen und der Eine spielt Ruth Landshoff-Yorck mit traditionellen Rollenbildern und lässt die Figuren ihre Sexualität entdecken und erkunden. Dabei spielt Bekleidung eine wichtige Rolle: Durch sie werden im Text Geschlechterklischees hinterfragt und gesprengt sowie das Thema Queerness verhandelt. Auffällig ist, dass Uniformen und Uniformität dabei wiederkehrende Motive darstellen. Im Folgenden wird untersucht, welche Bedeutung dieser speziellen Art von Bekleidung zukommt und welche Funktion Mode dabei erfüllt.

DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/[B]

20220916curtius

Die individuelle Künstleruniform: Beuys, Bowie, Styles

Joseph Beuys, David Bowie und Harry Styles haben nicht viel miteinander gemein – außer ihr Dasein als Künstler und ihre jeweils auffällige sowie vieldiskutierte Kleidung. Autor Sven Drühl entwickelte ein theoretisches Gebilde der individuellen Künstleruniform, die sich insbesondere auf bildende Künstler wie Beuys bezieht – jemand, der die immergleiche Kleiderkombinatorik vorführte, die jedoch mehr Bedeutung in sich trägt, als zunächst vermutet. Heutzutage ist Harry Styles aufgrund seines flamboyanten Kleidungsstils oft in den Medien präsent. Sein Stil erinnert an den Glam Rock, wiederum vertreten von David Bowies Kunstfigur Ziggy Stardust. Während viele Merkmale Drühls theoretischen Konstrukts auf Styles anzuwenden sind, handelt es sich bei letzterem jedoch vielmehr um einen individuellen Künstlerstil, als um eine Uniform.

DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/[B]

20220916husel

„Was fällt auf an diesem Outfit? Überlegen Sie?“ Mode als implizites Inszenierungsobjekt in Buffy – Im Bann der Dämonen

„Was fällt auf an diesem Outfit? Überlegen Sie?“ Diese Frage nach dem Outfit ist wohl nicht erste, die sich ein Zuschauer explizit stellt, wenn er audiovisuelle Medien konsumiert. Gleichzeitig ist es eine sehr wichtige Frage, da sie im Unterbewusstsein der Zuschauer erheblich dazu beitragen, wie die Akteure wahrgenommen werden. In diesem Beitrag liegt der Fokus genau darauf. Es soll untersucht werden, wie es Mode in Buffy – Im Bann der Dämonen schafft, Stereotypen zu brechen, während sie gleichzeitig für deren Realisierung verantwortlich ist.

DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/[B]

20220916pajan

Scruffy Masculinities. Gay bear representations in the runways of Walter Van Beirendonck’s Spring/Summer 2010 Wonder collection

Despite the vast research regarding non-conformative bodies, there is little material on the gay bear representation in fashion modelling. This article investigates the bear embodiment in the runway shows of Walter Van Beirendonck Spring/Summer 2010 Wonder. Critical visual analysis follows the gay bear symbolism in the video recordings ofthe runways, revealing how it challenges the fashion industry’s body standards through body-inclusive gay bear embodiments.

DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/[B]

20220916suman

Zwischen Boyfriend Jeans und High Heels: Crossdressing als Durchbruch der Gendernormen?

Kleider machen Leute – oder eher: Kleider machen Geschlechter? Als semiotisches Zeichen ist Mode stark an Geschlechternormen gebunden und definiert Kleidung als typisch männlich und typisch weiblich. Warum jedoch lösen sich diese Grenzen nun immer mehr auf? Kann Crossdressing bestehende Gendernormen durchbrechen?

DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/[D]

20220916gottwald

‘femme travestie’: Mode im Zeichen des Aufstands

Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit dem Konzept der Hose als männliches Privileg, ihre Aneignung der Frauen als Mode und der Emanzipation von der Heteronormativität durch sie. Dabei wird im Speziellen auf die Jugendsubkultur der Pachucas in den 1940er im Süden Amerikas eingegangen und das Erschaffen ihres eignen Modestils mittels des Zoot Suit, ein Kleidungsstück der Mittelschicht. In Hinblick darauf wird auch Simmels Philosophie der Mode von 1905 reflektiert.

DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/[D]

20220916goessmann