Kino


Die andere Identität. Border (2018) als nordeuropäische Grenzerfahrung

Ali Abbasis Film Border läuft nun auch in deutschen Kinos, nachdem er auf verschiedenen Festivals – u.a. in Cannes und auf dem Filmfest München – vorgestellt wurde. Der Titel ist Programm: Es häufen sich liminale Konstellationen, es geht um die Begegnung und den Umgang mit dem Anderen, auf verschiedenen Ebenen werden Genus-Zuordnungen prekär, liminale Wesen tauchen auf, es kommt zu Grenzerfahrungen – auch für den Zuschauer. Dieser thematische Aufenthalt im Grenzgebiet wirkt nicht nur auf die Genrezuordnungen und die Form des Films selbst zurück, sondern stellt im Zuge der zahlreichen Problematisierungen von Identität auch eine dominierende Europa-Erzählung und ein europäisches Selbstverständnis infrage.

20190424conrad

Die Kino-Wochenschau: Ein Modell der audiovisuellen Informationsvermittlung

Wissenschaftliche Modelle aufzustellen ist mehr noch in der Kommunikationswissenschaft als in der Medienwissenschaft verbreitet. Über die Kriterien, die ein Modell erfüllen soll, herrscht weitgehend Einigkeit. Ein Modell soll die relevanten Attribute grafisch darstellen und Komplexität reduzieren. Ziele sind Theoriereflexion oder Vorgangsexplikation. Der Artikel stellt eine übergreifende Informationsstruktur audiovisueller Medien dar. Welche Elemente sind unverzichtbar, um Zuschauer zu erreichen? Im Folgenden wird ein Vermittlungskonzept der Kino-Wochenschau als Zusammenspiel von audiovisuellen Elementen, Erzählstrategien und Framing aufgezeigt. Die Modellerstellung ermöglicht eine übersichtliche Darlegung von Informationsstrategie und ‚Stil‘ der Kino-Wochenschau, die als ‚Ursprungsform‘ non-fiktionaler Formate in Film und Fernsehen, von Nachrichten und Feature bis Dokumentation aufgefasst werden kann.

20190416Lehnert

„Sissi! – Franz!“. Besinnliche Überlegungen zur Geburt des („neueren“) westdeutschen Kinos

Dieser Artikel versucht die Geburtsstunde des neueren Westdeutschen Kinos an einer Filmreihe festzumachen: Die SISSI-Trilogie war zweifelsfrei ein kommerzieller Erfolg, allerdings wird ihr ein politischer und kultureller Beitrag in der Nachkriegszeit nach wie vor abgesprochen. Ohne die SISSI-Filme – so meine These – wären einige Motive des Nazi-Kinos nicht aufgearbeitet und umbesetzt worden, die den Weg hin zum neueren Westdeutschen Kino erst bereitet haben. Vielleicht greifen sie sogar einer Entwicklung vor, die der allgemeinen Meinung nach erst mit den Kritischen Heimatfilmen in den 70ern einsetzt.

20190211lebe

Der Engel der Erzählung. Wim Wenders Der Himmel über Berlin

Engel im Film sind sichtbar gemachte Medien aus der Sphäre des eigentlich Unsichtbaren. Für Erzählungen geben sie oft erst nach ihrer Transformation in Menschengestalt etwas her. Diese Transfiguration passiert in Wim Wenders’ Film Der Himmel über Berlin auf zweierlei Art: als narratologische Initiation (der zum Menschen verwandelte Engel bekommt eine Geschichte und kann sie erzählen) und als ein ästhetisches Ereignis (der Engel spürt das ‘Gewicht der Welt’, zeigt Farbe und lernt zu lieben). Der Beitrag untersucht, wie die Erzählung zum Engel kommt und wie der so hergestellte Zusammenhang zwischen Engelfigur und erzählter Geschichte filmisch funktioniert. Ausgangsthese ist: Der Regisseur zeigt, dass der Engel der Erzählung eine Sehnsuchtsfigur ist, die im Film und vom Film besser erzählen kann als die darin vorkommenden Großstadtmenschen.

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American Animals (2018) oder der etwas andere Heist-Film

Filme über Raubzüge, sogenannte Heist-Filme, werden trotz einiger Vorläufer vor allem seit Steven Soderberghs Ocean’s Eleven (2001) stark glorifiziert. Die Auswirkungen solcher filmischer Behandlungen zeigt Bart Laytons American Animals (2018), der sich mit der wahren Geschichte eines fehlgeschlagenen Raubzuges beschäftigt. Der Film erweist sich dabei nicht nur als durchdachtes Spiel mit Fiktion, Wahrheit und ihrer Zwischenform, der Authentizität, sondern auch als Spiel mit Zitaten und Genre-Elementen. In dieser Selbstreflexion wirft American Animals einen Seitenblick auf ein mittlerweile perfektionsgetriebenes Genre sowie eine hyperreale Kultur.

20181210babin

Zwischen Erbarmen und Entsetzen. Invektive Sprache in: Three Billboards outside Ebbing, Missouri (2017)

Wie so häufig bringt die abgelegene amerikanische Kleinstadt die besten Geschichten hervor. Obwohl der Film Three Billboards outside Ebbing, Missouri (2017) das Klischee der hinterwäldlerischen Kleinstadt aufruft, die gewaltig Dreck am Ste-cken hat, tut er dies nur, um feste Gewissheiten, stereotype Rollenverteilungen und antiquierte Gegenüberstellungen von Gut und Böse nachhaltig zu erschüttern. Dabei greift die derbe Tragikomödie auf das Potenzial der invektiven Sprache zurück, die in ihrer Dichte an schlagfertiger Rhetorik, bitterbösen Beschimpfungen und plakativen Diskriminierungen seinesgleichen sucht. Die Initialzündung der grenzenlosen Gewalt-spirale verursacht die Neutapezierung der drei sogenannten Billboards, deren Botschaft eine Welle der Entrüstung in Gang setzt. An eben jenes brachiale Moment des Umschlagens von Sprache in Gewalt will sich die folgende Untersuchung herantasten und folgenden Fragen nachgehen: Was passiert, wenn der Zeichenträger, die Lein-wand, mit der Ereignishaftigkeit invektiver Sprache in Berührung kommt? Wie lässt sich die sonderbare Verschränkung zwischen Filmbild und invektiver Sprache hierar-chisch bestimmen und welche Rolle nimmt der Film in diesem invektiven Geschehen ein? Verharrt er tatsächlich im Modus eines unparteiischen Zuschauers oder ist er als bedingende Erzählinstanz schon längst Teilnehmer dieses invektiven Geschehens? Das Moment der Gewaltsamkeit, wie die Analyse herausstellen wird, lässt sich schon unterhalb der Ebene der herabsetzenden Figurenrede ansiedeln.

20181210jaworski

Poetic justice in Fatih Akins Aus dem Nichts

Fatih Akin hat sich in Aus dem Nichts (2017) der Opfer der NSU-Morde und ihrer Angehörigen angenommen und ist, wie verschiedentlich in der Presse gelobt wurde, zur Bildgewalt und Sensibilität seiner frühen Werke, allen voran Gegen die Wand (2004), zurückgekehrt. Was die beiden Filme eint, ist ihre gelungene Verbindung der großen, politischen Themen und ihrer ethisch-metaphysischen Verhandlungsrahmen mit der subjektiven Innensicht des Einzelschicksals, ohne – hier die Stärke – in reines Ausagieren von Stereotypen zu verfallen, auch wenn Stereotype durchaus zu Akins Instrumentarium gehören. Interkulturalität, Emanzipation, Neo-Nazismus, Terrorismus, Gerechtigkeit, Liebe, ein höherer Anspruch ist kaum vorstellbar und groß ist die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns, der Verhandlung von Plattitüden, des moralischen Zeigefingers, des Endens im Kitsch. Akin umschifft diese Untiefen dadurch, dass die Protagonistinnen beider Filme zu partikulär, fragil und in sich gebrochen sind, um eine rein lehrstückhafte Lesart zuzulassen, auch wenn die politische Message klar und deutlich ist. Der Aufsatz widmet sich folgend einem Teil dieser Message: den ästhetischen und politischen Dimensionen des Gerechtigkeitskonzepts in Aus dem Nichts.

20181012huetter

Dinieren in der Apokalypse. Realitäten des Abendessens in Endzeitfilmen

Essen spielt in Endzeitfilmen eine nicht zu unterschätzende Rolle, immerhin müssen die Protagonisten permanent Nahrung finden, um zu überleben. Zugleich hat auch der Genuss lang vermisster Speisen Bedeutung, weil sie an eine Welt des Überflusses erinnern, die im Film schon längst nicht mehr existiert. Der vorliegende Beitrag nimmt die Darstellung feierlicher endzeitlicher Abendessen in den Blick, um zu zeigen, wie in solchen Situationen die als Utopie verklärte Vergangenheit mit der dystopischen Gegenwart verglichen wird, sodass Realität allererst hergestellt werden kann. Im Vergleich zweier einander recht ähnlicher Filmbeispiele kann dabei gezeigt werden, inwiefern das endzeitliche Abendessen sowohl als Grundlage für eine Kapitalismuskritik als auch als Basis für die Erfüllung von Konsum- und Warenversprechen dient.

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Neue Menschen, neue Arbeit, neue Realität. Wirklichkeitskonstruktionen im sowjetischen Stummfilm

In kaum einem filmhistorischen Abschnitt wurden grundlegende filmische Mittel der Einstellungskomposition und Montage so eng zu gesellschaftlichen Realitätskonstruktionen und der Propagierung des (ökonomischen) Fortschritts verwoben wie im Kino der frühen Sowjetunion. Besonders die Werke von Dziga Vertov stehen in diesem Kontext für eine Mischung aus filmischer Dokumentation und Gestaltung einer neuen Wirklichkeit des jungen Sowjetstaates. Vertovs kinematographische Methoden werden hier in ihrer Genese genauer analysiert. Anschließend wird ein Blick auf parallel an-zutreffende Filmformen geworfen, die wiederum ihren Anteil an der Etablierung der ‚Neuen Menschen‘ und der sowjetischen Wirklichkeitskonstruktion haben.

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