Theorie


Das Melodrama und das notwendige „Andere“. Ressentimentalität als Zugang zur melodramatischen Konstellation. Eine Notiz zu einer wegweisenden Überlegung

Die melodramatische Konstellation von Rollen in Film und Theater (in abgemilderter Form auch in der Literatur) und die fatale Verquickung des Bemühens der Figuren um Kontrolle und Verlust sind oft als genuine Qualität der melodramatischen Erzählung und der mit ihr zugleich ermöglichten Konstitution der bürgerlichen Konzeption des Subjekts angesehen worden. Allerdings zeigt sich unter anderem Blickwinkel das Melodramatische als ethische Diskursformation, in der ein notwendiges „Anderes” als den Figuren entgegenstehende Wertkategorie im Spiel ist, der die Frage nach der Sentimentalität insbesondere der Schlüsse neu stellt.

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Kunst = Realität + x? Auf der Suche nach einer Gegenständlichkeit des Hyperrealismus

Mit dem Begriff Hyperrealismus erfasst die Hermeneutik eine spezifische Art der Ästhetik – und zwar die einer übertriebenen Realitätssimulation. Insbesondere im 21.Jahrhundert tritt diese Erscheinungsform in diversen populärkulturellen Artefakten wie auch in Malerei, Theater, Film und Fernsehen auf und liefert damit Fallbeispiele, die an den philosophischen Diskurs (Baudrillard etc.) anknüpfen. Allerdings finden sich ästhetische auch dramaturgische Vorreiter dieser Strömung bereits im Naturalismus des 19. Jahrhunderts oder im Fotorealismus des 20. Jahrhunderts, die allesamt ihre Arbeiten mit idealistischen Zielen verknüpfen. Welche Ziele verfolgt diesbezüglich der Hyperrealismus des 21. Jahrhunderts? Um derartigen Fragen auf den Grund zu gehen, wählt dieser Artikel die Herangehensweise, den Hyperrealismus als distribuierte Ästhetik aufzufassen.

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Lupus oder Liebe? Zum Spurenlesen des Protagonisten populärer Serienformate

Das Spurenlesen ist integraler Bestandteil zahlreicher vor allem populärer Medienproduktionen. Und dabei weist das Spurenlesen eine charakteristische Doppelfunktion auf: einerseits dient es der Investigation von Gegenständen im Kontext mangelhafter oder zweifelhafter Informationslage. Zugleich aber dient es der Inszenierung und Profilierung des Spurenlesers, der unentscheidbar zwischen Technik und Zauberei oszilliert. Zu einem faszinierenden Rezeptionserlebnis werden solche Medienprodukte vor allem deshalb, so die These, weil das Spurenlesen einen Spiegel für einen spezifischen Rezeptionsprozess darstellt, der sich gleichsam autoreflexiv auf das betreffende Medium selbst anwenden lässt.

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Das Verschwinden der Spur

Was eine Spur ist, erscheint offensichtlich. Nämlich die Hinterlassenschaft von etwas, das nicht gegenwärtig ist. Zum Beispiel die Fährte eines Hasen oder der Fingerabdruck eines Verbrechers. Eine Spur ist also etwas, das nur darauf wartet gelesen zu werden. Der vorliegende Essay problematisiert die Begriffe der Spur und des Spurenlesens in diesem lebensweltlichen Verständnis. Vor dem Hintergrund zeichen- und medientheoretischer Fragestellungen erweist sich der Begriff der Spur als ungleich komplexer und faszinierender – auch wenn dabei möglicherweise nicht nur Hasen und Verbrecher verschwinden, sondern auch die Spuren selbst.

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Der Spiegel als Medium

Die Faszination, die Spiegel ausüben, ist begründet durch ihre Fähigkeit, uns ein Bild von uns selbst zu liefern. Diese und andere Eigenschaften haben sie mit anderen Medien gemein. Spiegel können in anderen Medien intermediale Bezüge schaffen. Spiegel zeigen uns, wie wir mit den Medien umgehen. Die beiden Beispiele, die in diesem Zusammenhang untersucht werden, sind das Musikvideo zu Christina Aguileras Beautiful und Diego Velásquez’ Gemälde Las Meninas. Trotz ihrer offensichtlichen thematischen Unterschiede weisen sie in der Funktion des Spiegels überraschend ähnliche Ergebnisse auf: In beiden Werken stellt der Spiegel den Mittelpunkt dar, indem er Kategorien eröffnet, die ohne ihn nicht erkennbar wären: In Beautiful die der Selbstbewertung und in Las Meninas die der Repräsentation. Auf der medialen Ebene ziehen sie den Betrachter zunächst in ihren medialen Raum hinein, um ihn dann auf sich selbst und seine eigene Wahrnehmung zurückzuwerfen.

Negative Diskursivität? Überlegungen zu einem komplementären Verhältnis von Michel Foucault und Jean Baudrillard

Einleitungen als Kategorie einer bestimmten Ausdrucksweise, als Mittel einer diskursiven Ordnung kommt – wenig überraschend – die Funktion zu, in ein bestimmtes Thema einzuleiten, ausgehend von einer Forschungslage eine Fragestellung zu entwickeln, kurz – einen bestimmten Diskurs nach dessen spezifischen Spielregeln fort zu schreiben. Dieses traditionelle Vorgehen wird signifikanterweise von diskursanalytisch beeinflußten Theorien und Methoden unterlaufen, welche explizit kontingente Ereignisse zum Objekt erheben und, um diesen gerecht zu werden, eine entsprechende Vorgehensweise wählen.

Aufbau einer deskriptiven Theorie des Bildes, die auf Allgemeinheit zielt

Die folgende Untersuchung entstammt phänomenologischen und bewusstseinsanalytischen Überlegungen, und folglich werden die Fragen über Sinn und Sein des Bildes aufgrund einer Zergliederung ihrer Erscheinung beantwortet. Der erste Teil befasst sich mit der Wahrnehmung von Farben im Bild und versucht, eine allgemeingültige Bestimmung des Bildes als ein objektives Gesichtsfeld auszuarbeiten und gegen einige mögliche Einwände zu verteidigen. Diese Bestimmung dient im zweiten Teil als Grundlage für eine Deskription der Erfassung von Sinnbezügen innerhalb der Bildwelt. Es wird hier behauptet und dargelegt, wie sich unser gewöhnliches Situationverständnis im Erschliessen der Zusammenhänge in bewegten Bilder lebendig erweist.

Medien als Passion (Einleitung)

Warum sind Menschen seit jeher derart hinter den Medien her? Eine der möglichen Antworten lautet: Medien ermöglichen Lebenssteigerungen in allen nur denkbaren Ausprägungen. – Der folgende Artikel stellt die Einleitung zu einem gleichnamigen Buch dar. Es geht u. a. darum, ausufernde, vernachlässigte oder diffus gewordene Fragen nach der Funktion von Medien wieder auf einige Kernfragen zuzuspitzen und diskutable Antworten dabei voranzutreiben. (Im Anschluß an diesen Artikel entstand: Reiner Matzker “Mediale Lebenssteigerungen – das Werther-Syndrom Anmerkungen zu Bernd Scheffers „Medien als Passion“)

Interpretation und Lebensroman: Inhaltsverzeichnis, Vorwort und Download des gesamten Textes

Wie lassen sich veränderte Handlungsmöglichkeiten für den Umgang mit Literatur vorschlagen? Wie entwirft man, ausgehend von „konstruktivistischen“ Grundannahmen, Kunst und darin vor allem Literatur, damit sie neuerlich folgenreich erscheinen? Der in weiten Teilen der Kunst- und Literaturtheorie zu beobachtende strikte Gegensatz von Kunst und Wirklichkeit löst sich zunehmend auf zugunsten von neuen Möglichkeiten für die Produktion und Rezeption von Kunst und Literatur: Kunst und Literatur werden jetzt weniger als emphatische Gegenentwürfe, als utopische Korrektive, als großartige Mythen, nicht als phantastische Entschädigungen für fundamentale Mängel verstanden, sondern als selbstverständliche, alltägliche Demonstrationen der Irritation und (Neu-)Konstruktion von Wirklichkeit. Relationen des gegenseitigen komplexen Einflusses wie etwa Verzögerungen und Beschleunigungen spielen in antagonistischen Modellen von Kunst und Wirklichkeit eine zu geringe Rolle.

Massenmedien – die post-moderne Einlösung des Romantischen Programms einer Neuen Mythologie

Als ideenschneller Vordenker der Frühromantik entwarf Friedrich Schlegel 1800, im Jahr des Scheiterns der Programmzeitschrift für romantische Ironie mit dem Namen Athenäum, die Vorstellung einer ‘Neuen Mythologie’. Dieses Programm einer Neuen Mythologie sollte im Ausgang des turbulenten Jahrzehnts der 1790er die Misere moderner Poesie reparieren. Im Rückblick aus den 1990ern erkennen wir, dass Schlegel in seinen Überlegungen zu Moderner Poesie und Neuer Mythologie tatsächlich über das Verhältnis zwischen der situation post/moderne und der Realität der Massenmedien nachdachte. (Handelt es sich dabei um die überraschenden Einsichten des Propheten Schlegel, der sich hier als vorwärtsgewandter Historiker betätigt, oder liegt vielmehr ein Fall von preadaptive advances der kulturellen Semantik vor, die erst im Übergang aus dem Speicher- ins Funktionsgedächtnis retroaktiv zur Prognostik werden?)