Jahresarchiv | 2024


1974. Spiegelnde Wissensordnung

Luce Irigarays Speculum (1974) richtet den Blick des wissenschaftlichen Diskurses neu aus. Durch gespiegelte Wiederholung theoretischer Standardwerke wird die Suche nach einer neuen Syntax aufgenommen, hin zu dem Versuch, die Verschüttung einer möglichen Operation des Weiblichen* in der Sprache zu entbergen, die scheinbare Kohärenz bestehender Wissenschaftsdiskurse in Verzerrung und Vexierung offenzulegen, und den Blick zu richten: auf die geschichtslosen Momente der Theorie.

Dieser Artikel erschien am 13.11.2024 in der Zeitschrift Medienobservationen.
Er ist durch die DNB archiviert. urn:nbn:de:101:1-2411011139531.812148821635
DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/23354

1973. This too shall. pass Überlegungen zum Verhältnis von Poesie und Politik

Am 11. September 1973 gingen die Bilder vom Putsch des Militärs gegen die demokratisch gewählte Regierung Salvador Allendes um die Welt. Der Regierungspalast brannte, bombardiert von der Luftwaffe, der Präsident wählte den Freitod, bevor die Putschisten ihn festnehmen konnten. Das Nationalstadion von Santiago de Chile wurde zum Folterzentrum, Tausende der Anhänger Allendes wurden hier inhaftiert, auch der große chilenische Sänger und Dichter Victor Jara. Er hatte seine Gitarre dabei und spielte und sang für alle: „Wir sind Fünftausend hier“, „somos cinco mil aqui“, so begann sein letztes Lied…

Dieser Artikel erschien am 13.11.2024 in der Zeitschrift Medienobservationen.
Er ist durch die DNB archiviert. urn:nbn:de:101:1-2409251432161.119378324316
DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/23384

1972. Auf den Hund gekommen. Kynologische Imaginationen im Anthropozän

Anlässlich der Sommerspiele in München entstand 1972 das erste offizielle Olympia-Maskottchen: der Olympia-Waldi. Ein Dackel also sollte das Symbol des größten Sportereignisses sein. Wären die Spiele nicht von der Geiselnahme israelischer Athleten überschattet worden, hätte man vielleicht auch an zentrale deutschsprachige literarische Texte rundum hündische Protagonisten, gar einen Dackel, erinnern können. Spätestens aber mit dem animal turn in den Geisteswissenschaften und der Diskussionen um den Posthumanismus wurde den Tierfiguren in literarischen Texten eine größere Aufmerksamkeit geschenkt. Im Folgenden stehen sprechende Hunde in der deutschsprachigen Literatur im Mittelpunkt, wobei diesbezüglich Texte der Moderne von Oskar Panizza (Aus dem Tagebuch eines Hundes, 1892) und Franz Kafka (Forschungen eines Hundes, 1922) analysiert werden: Dabei soll gerade keine allegorische Interpretation vorgelegt werden, da die untersuchten Texte eben nicht nur auf den Menschen, sondern zunächst auf die Tierwelt verweisen.

für Rino und Wally

Dieser Artikel erschien am 13.11.2024 in der Zeitschrift Medienobservationen.
Er ist durch die DNB archiviert. urn:nbn:de:101:1-2409291137137.130316315341
DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/23377

1971. Gianni Selvani, der „Typus des modernen italienischen Intellektuellen mit Besitzhintergrund“. Zur Namensgebung der Titelfigur in Thomas Bernhards Filmbuch Der Italiener

1971 erschien Thomas Bernhards Filmbuch Der Italiener, das innerhalb des Œuvres eine werkgenetisch grundlegende Etappe zwischen der frühen Prosa und dem späteren Meisterwerk Auslöschung darstellt. Die Namensgebung der Titelfigur erweist sich als ein Biographem, das einerseits mit Bernhards Textkonstitutionsprinzip des Geistesmenschen und andererseits seiner Teilnahme an den von der Luxemburger Lyrikerin Anise Koltz organisierten Mondorfer Dichtertagen zusammenhängt. Über den Umweg biografischer Recherchen zum italienischen Lyriker, Übersetzer und Dozenten Gianni Selvani können bedeutende Aspekte der oft übersehenen europäischen Dimension historisch-politischer Positionierungen in Bernhards literarischem Werk herausgearbeitet werden.

Dieser Artikel erschien am 13.11.2024 in der Zeitschrift Medienobservationen.
Er ist durch die DNB archiviert. urn:nbn:de:101:1-2411011134535.184893555970
DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/23345

1970. A Film Called WANDA

„But I Might Die Tonight“ von Cat Stevens setzt ein und ein Blutstropfen verwandelt sich in die rote Farbe eines Rennrads. Das Rad gehört Mike, der auf dem Weg zur Arbeit ist – oder vielleicht doch auf dem Weg nach Hause? Am Ende ist es gleich, weil er es nicht schaffen wird, seine traditionellen Werte zu überwinden und die Frau zu gewinnen, in die er sich verliebt hat. Deep End aus dem Jahr 1970, gedreht u.a. im Müllerschen Volksbad und im Englischen Garten – also auch ein München-Film –, erzählt die Adoleszenzgeschichte eines Jungen, der sich in seine zehn Jahre ältere Kollegin Jane verliebt oder besser, in das Bild, das er sich von ihr gemacht hat. Denn in jenem Moment, als Jane versucht zu erklären, wer oder wie sie wirklich ist, weiß Mike es besser. Zehn Jahre jünger, aber er weiß, wer die erwachsene Jane ist und wie sie zu sein hat, um eine ehrbare Frau zu sein. Und so viel sei verraten: Eine ehrbare Frau im Sinne Mikes ist sie nach eigenen Angaben gerade nicht. Dafür muss sie ästhetisch beeindruckend im Pool des Badehauses zum bereits erwähnten Cat Stevens-Song verbluten. Aber 1970 hat es noch mehr unehrbare Frauen im Film gegeben…

Dieser Artikel erschien am 13.11.2024 in der Zeitschrift Medienobservationen.
Er ist durch die DNB archiviert. urn:nbn:de:101:1-2411070027060.829823099348
DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/23363

1969. In Other Wor(l)ds: Medienkopplung Mondlandung

Die vermutlich wirkmächtigste Kopplung medialer Artefakte, die das US-amerikanische Raumfahrtprogramm Apollo hervorgebracht hat, beginnt gerade noch im Jahr vor dem hier zu skizzierenden Ereigniszusammenhang. Am 21. Dezember 1968 starteten Frank Borman, William Anders und James Lovell zum zweiten bemannten Raumflug des Programms, Apollo 8 der sie an Heiligabend auf die Mondumlaufbahn brachte und ihnen nicht nur ermöglichte, als erste Erdlinge einen Blick auf die erdabgewandte Seite des Mondes zu werfen, sondern auch die Gelegenheit gab zu einer ersten, extraterrestrischen Live-Weihnachtsbotschaft via Satellitenübertragung: Anders, Lovell und Borman rezitierten zum einen beim neunten Umlauf um den Mond den Anfang des biblischen Schöpfungsberichts für „all the people back on Earth“. Nicht genug damit, denn zum anderen spielte sich schon früher am Tag, beim vierten Umlauf, eine Szene ab, die die drei Astronauten das dicht bestückte Protokoll der fotografischen Terrainerkundung und Verfahrensbeobachtung kurz unterbrechen ließ…

Dieser Artikel erschien am 13.11.2024 in der Zeitschrift Medienobservationen.
Er ist durch die DNB archiviert. urn:nbn:de:101:1-2411011128458.241444522659
DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/23367

1968. „You’re recording this, ain’t a damn thing happening“. Johnny Cash at Folsom Prison

Die Langspielplatte Johnny Cash at Folsom Prison wurde 1968 zum bis dahin größten Erfolg des Sängers und zu einem weithin gerühmten Medienereignis. Die jahrzehntelange internationale Karriere des „Man in Black“ (geboren 1932, gestorben 2003) begann mit diesem Gefängniskonzert.

Dieser Artikel erschien am 13.11.2024 in der Zeitschrift Medienobservationen.
Er ist durch die DNB archiviert. urn:nbn:de:101:1-2411011124156.158133938896
DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/23378

1967. The Who: The Who Sell Out

Jon Savage hat die These, 1966 sei das entscheidende Jahr der Popmusik gewesen, auf eine so breite Materialbasis gestützt und so detailreich durchargumentiert, dass meine Gegenthese, 1967 sei noch entscheidender gewesen, nur mit einer Ausdifferenzierung haltbar ist: 1966 war das Jahr der Singles, 1967 das der LPs…

Dieser Artikel erschien am 13.11.2024 in der Zeitschrift Medienobservationen.
Er ist durch die DNB archiviert. urn:nbn:de:101:1-2410311600254.488021239285
DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/23368

1966. Handke in Princeton

Man schrieb den 22. April 1966, als eine fünfminütige Scheltrede ein literarisches Erdbeben auslöste. Die Gruppe 47, die in den zwanzig Jahren seit ihrer Gründung zur tonangebenden Schriftstellergruppe der Bundesrepublik geworden war, tagte auf Einladung amerikanischer Gastgeber in Princeton, obwohl einige der vom Doyen der Gruppe, Hans Werner Richter, eingeladenen Autoren die Meinung vertreten hatten, man könne die Vereinigten Staaten nicht besuchen, solange sie ihren brutalen Krieg gegen das vietnamesische Volk führten. Trotzdem reiste man nach Princeton, und in den ersten Tagen ging alles seinen gewohnten Gang…

Dieser Artikel erschien am 13.11.2024 in der Zeitschrift Medienobservationen.
Er ist durch die DNB archiviert. urn:nbn:de:101:1-2410311555419.262617679433
DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/23351

1965. Stadionrock oder: Dies ist kein Konzert

Augenzwinkernd, mitunter achselzuckend, hier und da kopfschüttelnd, stellt dieser Beitrag die These auf, dass das 1965er-Konzert der Beatles im Shea-Stadion ein Medienereignis war, im Gegensatz zum zweiten Konzert der Band dort, das diesen Titel nicht verdient. Zur Untermauerung wird die von Oliver Jahraus entwickelte ‚FabFour‘-Methode herangezogen, die vier Qualifizierungsmerkmale umfasst: Autopoiesis (John), Interpretation (Paul), Kopplung (George) und Paradigma (Ringo).

Dieser Artikel erschien am 13.11.2024 in der Zeitschrift Medienobservationen.
Er ist durch die DNB archiviert. urn:nbn:de:101:1-2410311550150.704525288205
DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/23371