Jahresarchive | 1997-2003

Das originale Publikationsdatum der Beiträge, die vor dem 25.08.2003 erschienen, ist nicht mehr präzise zu eruieren.


Irakkrieg – welchen Verschwörungstheorien soll man den Vorzug geben?

Anlässlich der Gefahr oder sogar dem Beginn eines neuerlichen Golfkriegs wissen wir erneut nicht, was in Wahrheit läuft, sondern können eigentlich nur noch entscheiden, welchen Verschwörungstheorien wir jeweils den Vorzug geben sollen – den amerikanischen, den (alt-) europäischen oder den von vornherein anti-amerikanischen. Zwar kennen wir eine lange Vorgeschichte der realen Inszenierungen und Fingierungen, der Gerüchte und Verleumdungen, der Verschwörungstheorien und der sich selbst erfüllenden Prophezeiungen (gerade in Krisen-Zeiten), und es ist wohl auch möglich zu behaupten, diese Vorgeschichte sei ohnehin so lang wie die jeweilige Geschichte selbst, aber erleben wir jetzt, trotz der globalen Medienpräsenz oder gerade erst wegen ihr, drastische Ausweitungen und Steigerungen dieser längst bekannter Effekte?

Die Prinzessin, der Tod und die Medien

Die Medienereignisse im unmittelbaren Anschluß an den Tod und das Begräbnis der britischen Prinzessin Diana werden benutzt, um daran zwar spontan formulierte, aber medientheoretisch relevante Beobachtungen anzuschließen. Auch wenn es sich insgesamt um das größte Medienereignis der Geschichte handelt, so gilt der Blick doch dem, was für Medienereignisse prinzipiell exemplarisch ist, nämlich die Erzeugung einer Medienwirklichkeit mitsamt ihren Rezeptionsbedingungen.

Das Offene bei Stephane Mallarmé. Wie steht es um den Dialog zwischen Musik und Literatur?

Der französische Dichter Stephane Mallarmé vollzieht in seinem Oeuvre eine überaus spannende Entwicklung: Sie reicht von einer Literatur, die zunächst offen ist gegenüber den mannigfaltigen Abschattungen des Bedeutungsgehalts bis hin zur Konzeptualisierung eines offenen Buches, das selbst seine äußere Gestalt erst durch den Gestaltungswillen des Lesers erhält. Die Offenheit seiner Kunst bleibt über weite Strecken beeinflusst von seinem produktiven Verhältnis zur Musik. So formuliert er in einigen seiner Äußerungen die Gewissheit, wonach eine freie, referenzlose Sprache nur durch die Musikalisierung ihrer Strukturen erreichbar sei. Was hat es aber mit dem äußersten Refugium der Freiheit, der Formoffenheit im Livre auf sich, woraus schöpft es seine Kraft und welche Idee steht dahinter?

[ digitale medien | möglichkeits(t)räume | projekte | … ]

nic-las ist ein werkzeug für’s digitale und ein lebendiges digitales medium, das (mindestens teilweise) tut, was benutzer sich vorstellen wollen. nic-las schafft die möglichkeit, sich in bewegende-digitale räume einzuschreiben und dabei erst noch für sich und andere beobachtbar zu bleiben. basierend auf der systemtheorie von niklas luhmann liegen die basisoperationen in vielfältigen nicht-linearen verknüpfungsmöglichkeiten von textstellen und zitaten (automatische verknüpfungen nach keywords ebenso wie ein differenziertes meta-auszeichnungssystem etwa für personen- und sachregister oder zuordnungen und zugriffsrechte für verschiedene autorinnen) und in dynamischen diskursiven und kommunikativen operationen (wie intuitive und assoziative annotationen und kommentierungen). gerade diese verbindung von hierarchischen und rhizomatisch-assoziativen organisationsoptionen ermöglicht eine intertextuelle praxis des schreibens mit konstruktiven versunsicherungseffekten zwischen lesen und schreiben.

Hitler als Mythos und Medium der Literatur. Eine Rezension.

Welch eine glückliche Konstellation für eine germanistische und literaturwissenschaftliche Dissertation: eine äußerst anspruchsvolle Themenstellung, die zudem weitreichende kulturwissenschaftliche und historische Perspektiven öffnet, ein äußerst faszinierendes Textkorpus, das nicht unbedingt die bekanntesten Texte verzeichnet, das aber dennoch in seiner Vielfältigkeit überraschen kann. Doch das Entscheidende ist, dass beides auf die literarische Figur und die Person Hitlers bezogen ist. So konfrontiert Marcel Atze seine Leser gleich zu Beginn mit einer eigentümlichen Spannung: So problematisch und prekär es ist, sich Hitler als historisches Faktum zu vergegenwärtigen, so wenig führt dies zu einer umfassenden Verdrängung. Im Gegenteil, nicht nur in der Historiographie, selbst in der Literatur ist Hitler eigentümlich präsent. Und nimmt man die Literatur nur als ein kulturelles Paradigma, so ist zeigt es sich, wie aktuell Hitler noch immer ist.

Schreiben zwischen sinnlicher Sprachlust und sprachtheoretischem Interesse

Die aus Japan stammende, in Deutschland lebende Schriftstellerin Yoko Tawada verwandelt die sprachliche und kulturelle Differenz zwischen Herkunftsland und Schreibort in eine Reflexion über Sprache und die Voraussetzungen und Bedingungen von Sprechen und Verstehen. Für sie ist Sprache weniger in ihrer Funktion als Kommunikationsmedium von Interesse, sondern sie rückt vielmehr die Erfahrung des Scheiterns von Kommunikation, der Irritation der Wahrnehmung in den Vordergrund. So illustrieren Tawadas ethnologisch-literarische Miniaturen eher die unhintergehbare Notwendigkeit, Bedeutung zuzuschreiben, als die geglückte Entzifferung von Welt-Zeichen.

Nomadenkleider für Nomandendenker. Christa de Carouge’s Kleider-Machen

Nomaden-Denken wird (in Gilles Deleuze’s Nietzsche-Lesebuch) über die Frage eingeführt, wer denn die jungen Nomaden wären? Wer die jungen Nietzsche Leser sind? Und was sie mit diesem nomadologisch-anders-zu-lesenden Nietzsche anfangen mögen? Folgt man der deleuzianischen Nomaden-Denker-Logik, dann besteht die Kunst des Nomadendenkens darin, sich nicht zu bewegen, sondern nur zu nomadisieren, um gewissermassen immer dem Ereignis folgend am gegenwärtig-gleichen Platz zu bleiben; indem es gelingt allen vorherrschenden & disziplinierenden Codes zu entgehen; indem es gelingt nomadische Einheiten in punktuellen Kämpfen und in Beziehungen zum Aussen zu erreichen. Dergestaltiges Nomadendenken erschliesst dann Einheiten in ausgreifend zu besetzenden Räumen, die nicht mit der inneren despotischen Einheit eingekerbt-kontrollierter Räume verglichen werden können. Nomadendenken schafft dann mechanische Bezüge zur Intuition, die sich (ganz selbstverständlich) ähnlich ereignishaft entfalten, wie die Kleider von Christa de Carouge, das Denken Nietzsches, oder das eben dort hineinprojizierte Nomadendenken von Deleuze.

Geschichte, Geschichten – HERstory, HISstoryMedien und die Sprache des Körpers

Auf den glatten Oberflächen der Fernsehschirme erscheinen Körper als austauschbare Elemente. Individualität ist hier nicht gefragt. Wie reagiert der Zuschauer auf diesen Teil seiner Realität? Hat der eigene Körper noch eine Stimme? Mit Julia Kristeva wird eine radikal-subjektive Sprachpraxis vorgestellt, aus der die individuelle Geschichte spricht.

Die Differenz von Wissenschaft und Essayistik

Die folgenden Überlegungen beschäftigen sich mit dem Unterschied zwischen Wissenschaft und Essay, wie er insbesondere bei der Medieninterpretation relevant wird. Sie spielen die Möglichkeit durch, diesen Unterschied selbst wiederum wissenschaftlich bzw. essayistisch zu begreifen. Die theoretische Grundlage für diese Überlegungen liefert die Systemtheorie. Sie erfordert eine komplexe Diskussion, was sich auch stilistisch niederschlägt.